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Martin Winterkorn: Der Auto-Star - Unternehmen - Wirtschaft - FAZ.NET
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Martin Winterkorn

Der Auto-Star

Der VW-Chef übernimmt Porsche, steigt bei Suzuki ein und will Toyota als weltgrößter Autohersteller ablösen. Wenn das mal gutgeht. Doch Anzeichen von Müdigkeit lässt Winterkorn freilich nicht erkennen.

Von Georg Meck

VW-Chef Martin Winterkorn hat derzeit einen guten LaufVW-Chef Martin Winterkorn hat derzeit einen guten Lauf

24. Januar 2010 

Wer mag, der kann behaupten, die Karriere des Martin Winterkorn habe im Schlaf begonnen. Anfang der achtziger Jahre war das, der junge Ingenieur war gerade von Bosch zu Audi gekommen, da durfte er als Vorstandsassistent für Qualitätssicherung mit seinem Vorgesetzten zu einem Seminar: „Spanisch im Schlaf“ hieß das Thema, und Ferdinand Piëch war der Chef.

14 Tage verbrachten die beiden gemeinsam in Bad Mergentheim. Für die Sprachkenntnisse brachte das wenig, das Duo der autovernarrten Techniker aber hatte sich gefunden: Der Turbo war gezündet für Winterkorns Karriere, die ihn schließlich an die Spitze von Volkswagen führte, eines Konzerns mit fast 400 000 Mitarbeitern sowie einem Dutzend Marken, der jetzt nach der Krone greift. VW schickt sich an, Toyota zu übertrumpfen und die Nummer eins in der Autowelt zu werden.

„Das erfolgreichste Automobilunternehmen weltweit“

So will es Ferdinand Piëch, der Chefkontrolleur und Haupteigentümer. So sagt es Martin Winterkorn, der Vorstandschef und Vollstrecker. "Wir wollen die besten Autos der Welt bauen. Und sie besser verkaufen als die Konkurrenz", tönt der VW-Chef mit dem Selbstbewusstsein eines Mannes, der alles erreicht hat: Mehr Macht geht nicht, mehr Lob und Ehre auch nicht, als ihm momentan verabreicht wird. An einem Tag wird er selbst zum Manager des Jahres gekürt, am nächsten empfängt er goldene Pokale und Plaketten für das beste Auto des Jahres, das beliebteste Auto, und so weiter. Der Feierreigen nimmt kein Ende, Winterkorn kostet es aus. „Wir sind gegenwärtig das erfolgreichste Automobilunternehmen weltweit“, sagt er trocken. „Und das wird auch so bleiben.“

Die Autos? Eine Wucht, „Golf und Polo räumen alle Preise ab“.

Das Image? Einwandfrei, „so gut wie noch nie“.

Die Stimmung in der Mannschaft? „Toll.“

Noch Fragen? Nein.

Martin Winterkorn ist der Star der Stunde in der Autoindustrie. Der Mann hat einen Lauf, würden Sportler sagen. „Es gibt keinen Besseren in Deutschland“, flötet ein VW-Aufsichtsrat. Die IG Metall huldigt ihrem „Wiko“, weil er im Zweifel auf das letzte Zehntel Rendite verzichtet, bevor er Jobs opfert. Die Investoren preisen ihn dafür, die Krise besser als alle anderen zu meistern. Eine „hervorragende operative Leistung“ bescheinigt ihm Henning Gebhardt von der Fondsgesellschaft DWS: „"Die Profitabilität von VW wie Audi ist prima.“

Nüchtern, pragmatisch, sparsam

Selbst im Lager von BMW und Daimler, dort, wo man lange zu nobel war, Audi auch nur zu ignorieren, erfährt Winterkorn Respekt. Ein Mercedes-Manager lobt den spröden VW-Chef gar als „cool“: „Mit jedem Satz von Winterkorn wird klar: Der weiß, was er will.“ Das ist einiges wert in einer verunsicherten Branche, in der selbst gestandene Manager fragen, wohin das alles führen soll, wenn die Autos immer kleiner, immer grüner und womöglich elektrisch werden.

Ausgerechnet Winterkorn erscheint nun als der strahlende Held, ein Mann, dem so viel Glamour anhaftet wie einem müden Audi 80 in den 80er Jahren - wenig bis gar nichts. Feuriger Auftritt, zündende Reden? Nicht mit Martin Winterkorn. „Man braucht eine intakte Familie, ein Haus und einen Garten, um glücklich zu sein.“ Solches Zeug verbreitet der Mann. Und wenn er so redet, klingt er mit seinem Näseln immer leicht nach verschnupfter Nase - und nach Schwaben, das ganz bestimmt. Seine Herkunft passt zum Markenkern von VW: nüchtern, pragmatisch, sparsam. „Wenn die Mutter Hausfrau ist und der Vater Arbeiter, dann wirkt das nach“, erzählt Winterkorn. „Man schaut zu den Großen auf.“

Seine Eltern waren nach dem Krieg als Donauschwaben aus Ungarn in einem Arme-Leute-Viertel vor den Toren Stuttgarts gelandet. Der Sohn hantiert nun mit Milliarden, selbst der Bundeskanzlerin ist es eine Ehre, ihm einen Gefallen zu tun: sei es mit ihrem Einsatz für das VW-Gesetz, für die Abwrackprämie, für die Verlängerung der Kurzarbeit: Was Volkswagen nützt, wird im Kanzleramt gehört.

„Ich gehe jeden Tag gern zur Arbeit.“

Keine Frage, Winterkorn ist auch gesellschaftlich oben angekommen. In Wolfsburg wohnt er in dem Haus, das Milliardär Ferdinand Piëch einst hergerichtet hat. In München hat er die Villa von dessen Vetter Wolfgang Porsche gekauft. Wer sagt da noch, die Gesellschaft sei nicht durchlässig? Die ökonomische Elite rekrutiere sich nur unter ihresgleichen?

Winterkorn ist keiner der smarten Burschen, die an einer Business School ihren Lebensweg entworfen haben und diesen dann zielstrebig abarbeiten. Morgens Personal Trainer, danach Rhetorik-Kurs, und ab geht's, Powerpoint für Powerpoint, nach oben. Dies ist nicht die Welt eines Martin Winterkorn, der jede Schraube in seinem Reich persönlich kennt: „Ich muss nah am Produkt arbeiten.“ Der VW-Chef mag keine bunten Bildchen, kein effekthascherisches Gehabe. Meditieren für Führungskräfte und was sonst noch angeboten wird zur Ertüchtigung der Wirtschaftslenker ist ihm ein Greuel. Und komme ihm niemand mit dem „Fitness-Zirkus“! Joggen, Golfen, damit sollen andere die Zeit verplempern. Das ganze Gerede vom Kopffreikriegen. „Alles Quatsch“, sagt Winterkorn. „Ich gehe jeden Tag gern zur Arbeit.“

Jeder Tag ist in seinem Fall wörtlich gemeint, seit Monaten gelingt es nicht, die Wochenenden von Terminen freizuhalten. Zu seinem Glück empfindet Winterkorn alles, was mit Autos zu tun hat, als Lust (“Meine Frau liebt Autos so wie ich“). Und wenn zu den Pflichten eines VW-Chefs der samstägliche Besuch in einem Fußballstadion gehört, so ist ihm das eine Wonne - wobei nicht mit letzter Sicherheit zu klären ist, wo er aufrichtiger über Tore jubelt: für den vom Konzern finanzierten VfL Wolfsburg oder für den FC Bayern München, wo Winterkorn seit Ingolstädter Tagen als Aufsichtsrat mitmischt.

Erst spät den Gipfel erreicht

Damals gab es durchaus Phasen des Zweifels, es sah so aus, als müsste er, der an die Spitze des Gesamtkonzerns strebte, sich damit begnügen, bis zur Rente die vier Audi-Ringe auf Hochglanz zu polieren. Ehrenwert zwar, aber nicht das, wovon er träumte. Erst im 60. Lebensjahr, Anfang 2007, beförderte ihn VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch zum Vorstandsvorsitzenden in Wolfsburg. Winterkorn packte seine Sachen sowie ein halbes Dutzend Getreue und zog ins VW-Hochhaus. Zu dem Zeitpunkt hatte Porsche bereits seinen VW-Coup gestartet, und es schien so, als marschiere Wendelin Wiedeking durch, Winterkorn regiere nur auf Abruf - bis zu dem Tag, an dem der siegestrunkene Porsche-Chef genügend VW-Aktien beisammen hat, um denen in Wolfsburg zu zeigen, wo der Hammer hängt.

Wie bekannt, endete die Geschichte anders: Der spektakuläre Plan Porsches ist gescheitert, Wiedeking privatisiert, Winterkorn triumphiert. Seit kurzem ist er auch formell Vorstandsvorsitzender der Porsche Holding S.E., die nächstes Jahr mit VW verschmolzen werden soll. In dieser Funktion empfängt Winterkorn am Freitag in Stuttgart erstmals die Porsche-Aktionäre zur Hauptversammlung. „Ich bin Schwabe. Wir können Porsche“, hat er vorab gesäuselt. Und es ist höchste Zeit, ein paar neue Striche ins Winterkorn-Bild zu pinseln.

Den Laden fest im Griff

Gewiss, er ist der leidenschaftliche Techniker, als den er sich inszeniert. Das bedeutet freilich nicht, dass er frei wäre von finsteren Gedanken, wenn es um die Macht geht. Ihm die Legende abzunehmen, er sei der große Naive im Fach Ränke und Intrigen („Ich bin kein Taktierer“), hieße den Mann zu unterschätzen. Das haben die Monate der schmutzigen Schlacht mit Porsche gelehrt. Es gab da so viel Lug und Trug, dass mit reiner Aufrichtigkeit nichts, aber auch gar nichts zu gewinnen war - auch wenn die Akteure dies im Nachhinein anders darstellen. „Porsche hat uns mehr in Beschlag genommen, als uns lieb war“, bekennt Winterkorn immerhin. Von einer höchst angespannten Atmosphäre berichten die Mitstreiter. Der VW-Chef selbst hat sich öffentlich zurückgehalten, dafür ließ er den Betriebsrat gewähren, der die Truppen gegen die Invasoren aus Zuffenhausen mobilisierte. Der Gunst Piëchs war sich Winterkorn in all der Zeit gewiss, die Bande zu Wolfgang Porsche, dem Oberhaupt des anderen, mit Piëch zerstrittenen Familienzweigs, hat er behutsam gepflegt.

Mit der Niederlage Wiedekings haben nun alle anderen bekommen, was sie wollten. Winterkorn hat den Laden fest im Griff, das Land Niedersachsen hat seine Macht im Konzern zementiert, die IG Metall behält ihre Sonderrechte. Nur die Aktionäre außerhalb der Familien Porsche und Piëch zweifeln, ob die Milliarden, die VW für Porsche ausgibt, gut angelegt sind oder hauptsächlich dazu dienen, den Großaktionärs-Clan zu entschulden. „Winterkorn baut ein großes Empire, und nicht alles leuchtet dabei ein“, sagt Fondsmanager Gebhardt. „Hoffentlich übernimmt er sich nicht.“ Anzeichen von Müdigkeit lässt der VW-Chef freilich nicht erkennen. Im Gegenteil. Am liebsten würde er, obwohl dann jenseits des Rentenalters, noch eine Runde dranhängen, sagt er. Niemand zweifelt daran, dass Ferdinand Piëch ihm den Wunsch erfüllt und den 2011 auslaufenden Vertrag Winterkorns noch einmal verlängert.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa

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