Römisches Reich
Die wahren Gründe des Untergangs Roms
Von "spätrömischer Dekadenz" sprach FDP-Chef Westerwelle im Zusammenhang mit seinen Vorstellungen über Hartz-IV-Empfänger. Wie war das damals wirklich in Rom der Spätantike?
© Musée d'Orsay, Paris/wikipedia

Man war reich und man zeigte es: Das Bild "Les Romains de la décadence" von Thomas Couture (1844) zeigt den Luxus und die Dekadenz Roms
Der Zusammenbruch des römischen Imperiums hatte viele Ursachen. Der unmittelbare Auslöser war die Völkerwanderung: Die Hunnen drangen aus Asien nach Ostmitteleuropa ein. Andere Völker zogen daraufhin nach Westen und Süden und bedrängten wiederum das Römische Reich.
Seit 395 war das Reich in West- und Ost-Rom geteilt, die sich zwar als ein Imperium verstanden, aber von zwei Kaisern beherrscht wurden. Ost-Rom hielt den andrängenden Völkern stand, unter anderem, weil diese das stark befestigte und strategisch entscheidende Konstantinopel an der Pforte zu Kleinasien nie erobern konnten; es stand aber zu sehr unter Druck, um der westlichen Reichshälfte beistehen zu können.
West-Rom hatte den angreifenden Stämmen wenig entgegenzusetzen. Es hatte reiche Provinzen verloren, allen voran "Africa", konnte deshalb nicht mehr genug Truppen unterhalten und musste verstärkt "foederati" anwerben, Hilfstruppen aus den romanisierten germanischen Stämmen. Die waren ohnehin schwerer zu kontrollieren als die im engeren Sinne römischen Truppen, neigten nun zur Verbrüderung mit ihrer Verwandtschaft von jenseits der Grenzen und errichteten schließlich eigene Reiche auf dem Gebiet des Imperiums. Im 5. Jahrhundert übernahmen sie die Herrschaft in Italien – so weit das Ende Roms im Schnelldurchgang. Und wo bleibt die Dekadenz?
- Hartz IV in Rom
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Ein antikes Gegenstück zu Hartz IV gab es durchaus – aber nicht in der Untergangs-, sondern in der Blütezeit Roms. Weil dank der militärischen Expansion billige Sklaven nach Italien kamen, fehlten Jobs für gering qualifizierte Römer.
Volkstribun Gaius Sempronius Gracchus erließ 123 vor Christus die "Lex frumentaria", das Getreidegesetz: Bedürftige erhielten verbilligtes Getreide. Weil die konkurrierenden politischen Lager die Zuteilung als Machtmittel nutzten, bekamen immer mehr Empfänger diese Hilfe – deren Einführung das Imperium aber um mehrere Jahrhunderte überlebte.
Den Begriff "décadence" prägte Nicolas Boileau im 17. Jahrhundert; Montesquieu und Edward Gibbon wendeten ihn auf den Untergang des Römischen Reiches an, mit dem er seither untrennbar verbunden ist. Dahinter steht eine Weltsicht, derzufolge jedes soziale Gebilde einem natürlichen, zwangsläufigen Entstehungs- und Verfallsprozess unterliegt. Dazu gehört, dass die ursprünglich zum Aufstieg beitragenden Eigenschaften nach einer Phase der Blüte in die Degeneration umschlagen.
Rom wuchs und wurde reich – und dann lief etwas schief. Zwar herrschte auch nach der Blütezeit des Reiches ein Wohlstand im gesamten Imperium, der über Jahrhunderte nicht mehr erreicht wurde. Aber die Verteilungsungerechtigkeit wurde zu krass. Knapp ein Prozent der 50 bis 80 Millionen Menschen, die um Christi Geburt im Römischen Reich lebten, teilten den Reichtum unter sich auf. Die Elite der Grundbesitzer, Staatsbeamten und Militärs lebte dank der hohen Steuereinnahmen aus den Provinzen im Überfluss, lateinisch "luxuria".
Die Macher der Wanderausstellung Luxus und Dekadenz. Römisches Leben am Golf von Neapel nennen die Preise: 4000 Sesterzen für ein Pfund Purpur, 100.000 für einen guten Lustsklaven, eine Million für einen edlen Tisch aus Zitrusholz. Ein freier Bürger der Unterschicht verdiente als Tagelöhner vier Sesterzen am Tag. Sklaven verdienten nichts.
Die im Überfluss lebende Elite neigte offenbar zu Exzessen, die ihre Urteilsfähigkeit trübten und die Verteidigungsbereitschaft Roms schwächten – wobei man vorsichtig sein muss: Die in Hollywood so beliebten Ausschweifungen und Orgien gehen auf zeitgenössische Beschreibungen zurück, die oft von politischen Interessen gefärbt sind.
Ein bekanntes Beispiel für die Exzentrik der herrschenden Klasse ist Incitatus, das Lieblingspferd des berüchtigten Kaisers Caligula. Dieser habe, erzählen die Geschichtsschreiber Sueton und Cassius Dio, das Ross zum Konsul ernannt, um den Senat zu provozieren. Caligula, der Überlieferung zufolge größenwahnsinnig, soll seinem Pferd (und nicht einem Esel, wie der frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler im Zusammenhang mit Guido Westerwelle meinte) einen eigenen Palast, Sklaven, kostbare Elfenbein-Möbel, Schmuck und Kleider geschenkt haben. Weil der grausame Herrscher auch noch Senatoren und Adelige hinrichten ließ, wandte sich die Oberschicht gegen ihn und ließ die Prätorianergarde putschen.
Auch unterhalb der Schwelle, die Caligula mit seiner Willkürherrschaft überschritten hatte, galt die Luxuria den Zeitgenossen keineswegs als Tugend: Die allzu üppige Zurschaustellung des Reichtums verletze traditionelle römischen Werte und den Sinn für das Gemeinwohl, monierten schon zeitgenössische Kritiker wie Plinius der Ältere oder Seneca. Der allerdings war selbst Großgrundbesitzer – was den Kollegen Valerius Maximus zum Kommentar verleitete: "Luxus ist ein süßes Gift, das man viel leichter anklagen als vermeiden kann."
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- Datum 16.2.2010 - 18:11 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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....wenn es um die Dekadenz im späten Rom geht?
DIE ZEIT weiß alles besser. Für eine wahre Zeitung des Bildungbürgertums muss man natürlich gewisse Hintergründe aufzeigen, die dem dummen Pöbel vorenthalten werden.
Caligula als spätrömisch zu bezichnen zeugt nicht von enormen Geschichtswissen (das ist die frühe Kaiserzeit)
Alles in allem ein sehr schöner Versuch von der SPD-Spitze von DIE ZEIT die römische Geschichte so zurechtzuzimmern, dass da ein politisches Statement drauswird.
Warum hat die größte Militärmacht der damaligen Zeit der Völkerwanderung denn nicht standgehalten. Dekadenz? wäre als möglicher Grund anzuführen.
Aber wie DIE ZEIT weiß: "Und wo bleibt die Dekadenz?"
DIE ZEIT weiß alles besser. Für eine wahre Zeitung des Bildungbürgertums muss man natürlich gewisse Hintergründe aufzeigen, die dem dummen Pöbel vorenthalten werden.
Caligula als spätrömisch zu bezichnen zeugt nicht von enormen Geschichtswissen (das ist die frühe Kaiserzeit)
Alles in allem ein sehr schöner Versuch von der SPD-Spitze von DIE ZEIT die römische Geschichte so zurechtzuzimmern, dass da ein politisches Statement drauswird.
Warum hat die größte Militärmacht der damaligen Zeit der Völkerwanderung denn nicht standgehalten. Dekadenz? wäre als möglicher Grund anzuführen.
Aber wie DIE ZEIT weiß: "Und wo bleibt die Dekadenz?"
Ich denke nicht, dass der Artikel in dem Sinne dumm ist, er erscheint mir vielmehr unvollständig, mit der heißen Nadel gestrickt und daher missverständlich.
>>Caligula als spätrömisch zu bezichnen zeugt nicht von enormen Geschichtswissen (das ist die frühe Kaiserzeit)<<
Der Autor hat ihn nicht explizit als spätrömisch bezeichnet, es aber versäumt, darauf hinzuweisen, dass Caligula in der frühen Kaiserzeit anzusiedeln ist, mithin in der Blütezeit des Reiches.
>>Alles in allem ein sehr schöner Versuch von der SPD-Spitze von DIE ZEIT die römische Geschichte so zurechtzuzimmern, dass da ein politisches Statement drauswird.<<
Westerwelle hat sich des Klischees des spätrömischen Reiches bedient, um es für ein politisches Statement zu benutzen. Und dieses Klischee ist in größten Teilen falsch. Was man eventuell noch vergleichen könnte, war die überhand nehmende Steuerlast im 3. und 4. Jahrhundert.
Dass aber das untergehende Rom im Sinne traditioneller Moralvorstellungen eine Lasterhöhle gewesen sei, während dies in der Blütezeit noch ganz anders ausgesehen habe, ist Unfug: Als das Römische Reich 395 endgültig geteilt wurde, war das Christentum Staatsreligion. Übrigens waren auch die Germanen, die Rom 410 und 455 plünderten, zu diesem Zeitpunkt bereits christianisiert.
Die Zeit hat schlicht und einfach versucht aufzuzeigen, wie oberflächlich die FDP argumentiert und sich simpler Klischees bedient. Welcher politischen coleur die klassischen "Zeit"-Leser sind, ist nie ein Geheimnis gewesen. Und wenn man sich die politische Entwicklung in den letzten Monaten anschaut schon gar nicht unangebracht.
Na demnach hat Guido ja doch Recht, an der dekadenten sozialen Ungerechtgkeit wird doch mit Hochdruck gearbeitet.
Vielleicht ist er gar so ein Hengst, wer weiss. ;-)
... als ich las:
"Aber die Verteilungsungerechtigkeit wurde zu krass. Knapp ein Prozent der 50 bis 80 Millionen Menschen, die um Christi Geburt im Römischen Reich lebten, teilten den Reichtum unter sich auf. Die Elite der Grundbesitzer, Staatsbeamten und Militärs lebte dank der hohen Steuereinnahmen aus den Provinzen im Überfluss, lateinisch "luxuria".
Da will der Guido doch auch wieder hin.
Mein Gott, wie viele Anti-FDP bzw. Anti-Westerwelle-Artikel gibt's denn hier noch? Hier wird wirklich jeder Halbsatz aus Westerwelle's Aeusserungen wissenschaftlich-historisch widerlegt, angefangen von Sozialstaats-Diagnostik bis hin zu den wahren Verhältnissen in der römischen Spätdekadenz. Westerwelle überall. Da hat der Chefredakteur ja offensichtlich jedes Ressort mit einem Anti-Westerwelle-Artikel beauftragt. Das kann ja nur heißen dass seine Kritik nicht völlig ins Leere zielt?
Kaum: Er irrt nicht, denn er sagt, was er sagt, ja absichtlich, nicht aus Irrtum.
Es ist nur entweder unpolitisch oder populistisch - populistisch in dem Sinne, dass er seine Klientel vebal zufriedenstellen will. Für mich ein typischer Vertreter der Jammerlappengeneration: Fliegen die Gebratenen Tauben nicht ins Maul ist alles Mist. Und diese Generation haben uns die 68er hinterlassen.
M. Flöger
zugegeben, es sind definitiv zu viele Artikel für eine dazu verglichen unwichtige Angelegenheit - mehr Artikel abseits von Joffe zum Iran wären mir auch lieber. Aber man muss auch zugeben, dass Westerwelles Ausspruch dazu prädestiniert ist durch die Onlineforen gejagt zu werden, oder nicht?
ich finde den Artikel recht hübsch. Er informiert knapp und sachlich über einige Hintergründe der römischen Geschichte. Nirgendwo wird übrigens behauptet, Caligula sei ein Kaiser der römischen Spätzeit gewesen.
Auf dem Hintergrund der aktuellen Aufgeregtheit des Herrn Westerwelle bekommt er alledings eine gewisse pikante Note, die zum Schmunzeln anregt. Gut gemacht! Das hat Stil!
Weniger stilvoll finde ich allerdings das Pseudonym eines meiner Mit-Kommentatoren: "Sozialistentod" stösst mir doch arg sauer auf.
... Er informiert knapp und sachlich über einige Hintergründe der römischen Geschichte"
Leider demonstriert obiger Satz den weitläufigen Umgang mit Wissen. Dass Deutschland so schlecht vorbereitet ist auf die brennenden Themen der letzten Monate ist da wenig wunder. Man freut sich einfach über ein Märchen und argumentiert in Folge danach als Sekundär.
Wenn man sich schon gerne in Klischees ergeht und in die spätrömische Posaune der Dekadenz mit aller Kraft hineinbläst, sollte man sich vor Augen, besser den Spiegel vor dieselben halten, daß man diesem Klischee, nämlich dem so einfach heraufbeschworenen Untergangsgrund der Dekadenz viel eher entspricht als der Hartz IV - Empfänger.
Abgesehen von der Plattheit des Vergleiches, den - immerhin unser Außenminister - bemüht, abgesehen von dem Nachweis, über wie wenig Bildung man verfügen muß, um Außenminister zu werden (Diplomatie ist eine Kunst, Schwadronage kann jeder), erinnert es an die Hysterie des Unterganges, wie ihn sich Hollywood vorstellte, wie dieser Optimat unter der spätberliner Nobilitas herumkreischt. Ebenso, wie der Hinweis auf Caligula hinkt, mag der Vergleich mit Nero hinken, der nachfolgend bemüht wird. Ebenso wie aber in der ganzen Affäre das historische der Vergleiche die unbedeutenste Rolle spielt (ein Außenminister bedarf schlicht keiner historischen Kenntnisse), soll es weniger um die historische Person, als vielmehr die von Peter Ustinow verkörperte des Nero gehen: Ein selbstverliebter Brandstifter, dem es mehr um die Schauspielerei, die große, hohle Phrase als die Sache selbst ging, um den Applaus; blieb er aus, suchte er voller triefendem Selbstmitleid die Schuld bei anderen. Ist eine solche Person Anzeichen des drohenden Unterganges, geht der Ruhm unserer Welt dahin und der hinkende Vergleich erschallt - mit Blick in den Spiegel - aus berufenem Munde.
Das Gift der ungleichen Vermögensverteilung wirkt langsam, zu langsam um von vielen Zeitgenossen als solches erkannt zu werden. Schon in den prosperierenden Jahren Roms gab es - auch im Vergleich zum Hochmittelalter, erst recht verglichen mit der Neuzeit - nur wenig Innovation in der Produktionsweise der landwirtschaftlichen und gewerblichen Betriebe. Die reichen Geschlechter hatten es nicht nötig ihr Geld in effizientere Produktionsmethoden zu investieren, die kleinen Betriebe waren nicht kreditwürdig genug, um erfolgreich innovativ sein zu können. Trotz einiger berühmter Erfindungen im militärichen Bereich und im Bereich des Bauwesens, haben die reichen Ernteerträge Afrikas un Ägyptens die Landwirtschaft nördlich des Mittelmeeres nicht gefördert, auch im wichtigen Bereich der Textilproduktion weiß man kaum von großen Fortschritten. Die Mövenpicks dieser Zeit haben es geschafft von Steuerlasten verschont zu bleiben, so daß der kleine Bauer oder Gewerbetreibende den Staat finanziell trugen. Diese mußten sich wegen der zu hohen Steuern in ein Abhänigkeitsverhältnis zu den senatorischen Großgrundbesitzern begeben, um sich von jenen vor den Steuereinnehmern schützen zu lassen; dadurch wurde das Interesse an Innovationen noch mehr gedämpft.
Moral von der Geschicht:
Das arbeitslose Einkommen des Großgrundbesitzers, war mindestens genauso schädlich für die Wirtschaft wie "Brot und Spiele" für die arbeitslosen Proleten der Stadt Rom.
"Dazu gehört, dass die ursprünglich zum Aufstieg beitragenden Eigenschaften nach einer Phase der Blüte in die Degeneration umschlagen."
Das könnte man aber auch vom Kapitalismus behaupten,dessen Antriebsfeder die "natürliche Gier" des Menschen ist.
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